Pilze als Arzneipflanzen
Sekundäre lnhaltsstoffe in Pilzen (Gemüse) mit Bedeutung für die menschliche Gesundheit
4. Mitteilung: Lentinus edodes
, Shii-Take-Pilz
Joachim Eder, Christine Weig, Lehrstuhl für Gemüsebau der Technischen Universität München in Freising-Weihenstephan.
Pilze, sekundäre Inhaltsstoffe / gesundheitliche Wirkung
Lentinus edodes
(Abbildung 1, links) ist ein in Europa noch weitgehend unbekannter Speisepilz, der im Fernen Osten, besonders in Japan, in großen Mengen kultiviert wird, so daß er nach dem Champignon (Agaricus bisporus) der weltweit am meisten produzierte Kulturpilz ist. In Fernost schätzt man ihn jedoch nicht nur wegen seines Wohlgeschmacks, sondern insbesondere auch wegen seiner seit Jahrhunderten bekannten Heilwirkung.
In der Volksrepublik China werden derzeit ca. 40% aller Patienten mit traditioneller Medizin behandelt, und die Entwicklung traditioneller, auf Naturstoffen basierender Pharmakologie ist sogar in der Verfassung festgeschrieben. Über 40% der in Japan praktizierenden Ärzte benützen Medikamente der altüberlieferten chinesischen Medizin, die dort als "Kampo"-Medizin bezeichnet wird. Ausgehend von den über Jahrhunderte überlieferten Erfahrungen und dem tradierten Wissen ist man sowohl in den genannten Ländern als auch in Korea und Taiwan dazu übergegangen, die in der Volksmedizin verwendeten Drogen systematisch auf potentiell wirksame Inhaltsstoffe zu untersuchen und ihre Wirksamkeit in klinischen Tests zu überprüfen.
So beschäftigte man sich neben zahlreichen Rezepturen aus höheren Pflanzen, Algen und Flechten auch mit Extrakten oder pulverisierten Aufbereitungen von Pilzen. Es konnten schließlich verschiedene biologisch aktive Inhaltsstoffe isoliert und ihre pharmakologischen Wirkungen nachgewiesen werden.
Pilze werden in der chinesischen Volksmedizin für eine Vielzahl von Indikationen eingesetzt. So konnten z. B. in den obengenannten Untersuchungen bei der Gattung Ganoderma (Porlinge), die inzwischen auch als kultivierbar gilt, u. a. blutzuckersenkende, antiallergische und entzündungshemmende Wirkungen nachgewiesen werden. Bei Coprinus
comalus (Schopftintling) entdeckte man blutzuckersenkende Effekte, und Auricularia spp. wird auf Grund seiner blutgerinnungshemmenden Inhaltsstoffe eine vorbeugende Wirkung gegen den Herzinfarkt zugeschrieben.
Neben der Gattung Ganoderma stellt Lentinus edodes
eine der in Ostasien am intensivsten bearbeiteten Arten dar. Es gelang, daraus verschiedene pharmakologisch interessante Inhaltsstoffe zu isolieren und deren Wirkungsmechanismen aufzuklären.
Dem Shii-Take werden folgende medizinische Effekte zugeschrieben:
· ein cholesterinsenkender Effekt,
· ein antiviraler Effekt,
· ein Antitumoreffekt.
Cholesterinspiegel-senkende Wirkung
Die Cholesterinspiegel-senkende Wirkung beim Genuß von Shii-Take-Fruchtkörpern wurde bereits in den 60er Jahren bei Tierversuchen festgestellt. Es gelang auch, die entsprechenden Wirkungen in Untersuchungen beim Menschen nachzuweisen. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis einer Studie von SUZUKI. Drei Gruppen von jeweils zehn jungen Frauen erhielten täglich pro Person über eine Woche 90 g Frischpilze oder 9 g getrocknete Pilze und als dritte Variante 9 g Trockenpilze, die mit UV- Licht bestrahlt worden waren. Das Serumcholesterin nahm um 12,7 bzw. 6% ab. Die größte Abnahme konnte bei Verabreichung von Frischpilzen festgestellt werden. Es gelang, als aktive Substanz aus den Fruchtkörpern des Shii-Take das Eritadenin oder "Lentysin" (Abb. 3) zu isolieren. Auch dessen Synthesemechanismen im Pilz sind weitgehend geklärt.
Abbildung 2: Die Wirkung von regelmäßigem Shii-Take-Verzehr auf den Cholesteringehalt
Abbildung 3: Eritadenin
Untersuchungen zum Mechanismus der Senkung des Cholesterinspiegels im Blutplasma durch die in Lentinus edodes
vorhandenen Eritadenine zeigen, daß die Synthese eines Lipoproteins, welches das Cholesterin
in der Leber zurückhält, gehemmt wird. Es kommt so zu einer schnelleren Ausscheidung des Cholesterins in den Fäkalien.
Antivirale Wirkung
Die antivirale Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe von Lentinus edodes
wurde ebenfalls bereits in den 70er Jahren aufgeklärt. Sporen- und Fruchtkörperextrakte des Shii-Take erhöhten die Widerstandsfähigkeit von Mäusen gegenüber Grippevirusinfektionen. Die Vermehrung der Viren wurde durch eine vermehrte Bildung von Interferon
in der tierischen Zelle unterdrückt, eine Eigenschaft, die zuvor bereits durch virusähnliche Partikel, isoliert aus Penicillium und Aspergillus-Arten, festgestellt worden war. Als aktives Prinzip wurde hier doppelsträngige RNA, enthalten in im Pilz vorhandenen Viruspartikeln, identifiziert. Diese RNA wurde als hochgradig interferon- und abwehrkraftstimulierend gegenüber Virusinfektionen erkannt. Es gelang, die Stimulation der Interferon-Bildung auf sphärische virusähnliche Partikel im Lentinus-edodes-Mycel und Fruchtkörpern zurückzuführen. Das Ergebnis eines Versuchs von TEKAHARA et al. zeigt Tabelle 1.
Tabelle 1: Die Wirkung einer prophylaktischen Behandlung mit virusähnlichen Partikeln ausLentinus edodes auf eine Infektion mit WEE-Virus (Western equiine encephalitis virus *)bei Mäusen Behandlung VirusDosis(Log10LD50 Anzahl derüberlebendenMäuse (von 10) Durchschnittliche Überlebens-zeit der gestorbenen Mäuse(in Tagen) ± Standard-abweichung
Viruspartikel(1,5 mg / kg) 123 664 6,0 ± 1,05,5 ± 1,98,0 ± 1,6
keine 123 000 4,0 ± 0,82,9 ± 0,72,7 ± 0,7
*) Auslöser von fieberhaften Erkrankungen und Gehirnhautentzündung bei Wirbeltieren.Den Mäusen wurden die Partikel intraperitoneal injiziert. 5 Stunden später erfolgte dieInjektion mit einer Dosis von 101, 102 oder 103 der LD50 des WEE-Virus
Antitumorwirkung
Die bei Applikation von aus Lentinus-edodes-Fruchtkörpern isolierten Polysacchariden festgestellte Antitumorwirkung wurde besonders in Japan in den letzten Jahren intensiv untersucht.
Das Interesse an nicht toxischen Naturstoffen mit ausgeprägter Antitumorwirkung hat in den letzten Jahren verständlicherweise erheblich zugenommen, da der größte Teil der heute in der Chemotherapie
eingesetzten Antitumor-Substanzen mit sehr gravierenden Nebenwirkungen behaftet ist. Die Beobachtung, daß bestimmte Tumore durch Polysaccharide
in ihrem Wachstum gehemmt werden können, stammt aus Beobachtungen, daß Tumorzellen nach bakteriellen Infektionen erhebliche Regressionsraten zeigten. Hierbei wurde angenommen, daß auf Grund der in den Bakterienzellwänden vorhandenen Polysaccharide
eine Interaktion möglich sein müßte. Auf der Suche nach der aktiven Substanz konnte man das in Lentinus edodes
vorhandene Polysaccharid "Lentinan
" identifizieren. Es ist aufgebaut aus einer beta-1-3-Glucopyranose-Hauptkette mit beta-1-6-Glucopyranose-Seitenketten an jeweils 2 von 5 Glukose-Einheiten. Kleine Dosen dieses beta-Glucans bewirken vollständige Regression verschiedener allogenischer und syngenischer Tumorimplantate bei Mäusen.
Bezüglich der molekularen Wirkungen des Lentinans gibt es noch keine einheitliche Vorstellung. Als wahrscheinlichster Wirkungsmechanismus wird eine Beeinflussung des Tumorwachstums über das Immunsystem angenommen. Zum Teil geht man jedoch bei der festgestellten Antitumorwirkung von Polysacchariden auch davon aus, daß die Blutversorgung des Tumorgewebes negativ beeinflußt wird oder daß hier spezifisch das Zellvolumen von Tumorzellen vergrößert wird, wobei sich die Zellpermeabilität drastisch verändert und so die Zellen osmotisch geschädigt werden. Eine weitere Annahme stellt die Beeinflussung des Zell-Zell-Kontaktes dar, so daß Signalleitungen von Zelle zu Zelle unterbrochen werden und so die Teilungsrate reduziert wird.
In umfangreichen klinischen Studien kam man in Japan zu dem Ergebnis, daß Lentinan
in Zusammenhang mit Chemotherapie
bessere Wirkungen bei Magen- und Dickdarmkrebs brachte als die reine Chemotherapie
.
Lentinan
wird heute auch als eine der hoffnungsvollsten Substanzen zur Verhinderung der Bildung von Mikrometastasen bei Gastrointestinalkarzinornen angesehen.
Schlußfolgerungen
Es gibt also zwei Bereiche, in welchen man sich auch in Europa mit diesem und anderen interessanten Pilzen beschäftigen sollte. Zum einen wäre es wünschenswert, wenn Lentinus edodes
als Speisepilz auch in Europa mehr Verbreitung finden würde. Dabei stellt sich die Frage, in welchen Mengen genossen mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit zu rechnen ist.
Zum anderen wäre es angebracht, sich von seiten der pharmazeutischen Forschung näher mit seinen Inhaltsstoffen zu befassen, wobei man auf zahlreichen fernöstlichen Untersuchungen aufbauen kann. Die in diesem Beitrag verarbeiteten Publikationen sind nur ein Bruchteil der verfügbaren.
Die Verbreitung des Shii-Take als Speisepilz in Europa hat in den letzten Jahren etwas zugenommen, da er durch die immer beliebter werdende chinesische Küche einen höheren Bekanntheitsgrad erlangte. Außerdem gibt es inzwischen auch in Deutschland einige Züchter, die sich mit dem Anbau dieses interessanten Pilzes beschäftigen. Die technischen Grundlagen für die Produktion größerer Erntemengen sind verfügbar, es sind jedoch auch hier weitere Forschungsaktivitäten nötig, um die optimalen Produktionsbedingungen zur Erzielung hoher Fruchtkörpererträge und auch hoher Wirkstoffgehalte zu finden.
4. Mitteilung: Lentinus edodes
Joachim Eder, Christine Weig, Lehrstuhl für Gemüsebau der Technischen Universität München in Freising-Weihenstephan.
Pilze, sekundäre Inhaltsstoffe / gesundheitliche Wirkung
Lentinus edodes
In der Volksrepublik China werden derzeit ca. 40% aller Patienten mit traditioneller Medizin behandelt, und die Entwicklung traditioneller, auf Naturstoffen basierender Pharmakologie ist sogar in der Verfassung festgeschrieben. Über 40% der in Japan praktizierenden Ärzte benützen Medikamente der altüberlieferten chinesischen Medizin, die dort als "Kampo"-Medizin bezeichnet wird. Ausgehend von den über Jahrhunderte überlieferten Erfahrungen und dem tradierten Wissen ist man sowohl in den genannten Ländern als auch in Korea und Taiwan dazu übergegangen, die in der Volksmedizin verwendeten Drogen systematisch auf potentiell wirksame Inhaltsstoffe zu untersuchen und ihre Wirksamkeit in klinischen Tests zu überprüfen.
So beschäftigte man sich neben zahlreichen Rezepturen aus höheren Pflanzen, Algen und Flechten auch mit Extrakten oder pulverisierten Aufbereitungen von Pilzen. Es konnten schließlich verschiedene biologisch aktive Inhaltsstoffe isoliert und ihre pharmakologischen Wirkungen nachgewiesen werden.
Pilze werden in der chinesischen Volksmedizin für eine Vielzahl von Indikationen eingesetzt. So konnten z. B. in den obengenannten Untersuchungen bei der Gattung Ganoderma (Porlinge), die inzwischen auch als kultivierbar gilt, u. a. blutzuckersenkende, antiallergische und entzündungshemmende Wirkungen nachgewiesen werden. Bei Coprinus
Neben der Gattung Ganoderma stellt Lentinus edodes
Dem Shii-Take werden folgende medizinische Effekte zugeschrieben:
· ein cholesterinsenkender Effekt,
· ein antiviraler Effekt,
· ein Antitumoreffekt.
Cholesterinspiegel-senkende Wirkung
Die Cholesterinspiegel-senkende Wirkung beim Genuß von Shii-Take-Fruchtkörpern wurde bereits in den 60er Jahren bei Tierversuchen festgestellt. Es gelang auch, die entsprechenden Wirkungen in Untersuchungen beim Menschen nachzuweisen. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis einer Studie von SUZUKI. Drei Gruppen von jeweils zehn jungen Frauen erhielten täglich pro Person über eine Woche 90 g Frischpilze oder 9 g getrocknete Pilze und als dritte Variante 9 g Trockenpilze, die mit UV- Licht bestrahlt worden waren. Das Serumcholesterin nahm um 12,7 bzw. 6% ab. Die größte Abnahme konnte bei Verabreichung von Frischpilzen festgestellt werden. Es gelang, als aktive Substanz aus den Fruchtkörpern des Shii-Take das Eritadenin oder "Lentysin" (Abb. 3) zu isolieren. Auch dessen Synthesemechanismen im Pilz sind weitgehend geklärt.
Abbildung 2: Die Wirkung von regelmäßigem Shii-Take-Verzehr auf den Cholesteringehalt
Abbildung 3: Eritadenin
Untersuchungen zum Mechanismus der Senkung des Cholesterinspiegels im Blutplasma durch die in Lentinus edodes
Antivirale Wirkung
Die antivirale Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe von Lentinus edodes
Tabelle 1: Die Wirkung einer prophylaktischen Behandlung mit virusähnlichen Partikeln ausLentinus edodes auf eine Infektion mit WEE-Virus (Western equiine encephalitis virus *)bei Mäusen Behandlung VirusDosis(Log10LD50 Anzahl derüberlebendenMäuse (von 10) Durchschnittliche Überlebens-zeit der gestorbenen Mäuse(in Tagen) ± Standard-abweichung
Viruspartikel(1,5 mg / kg) 123 664 6,0 ± 1,05,5 ± 1,98,0 ± 1,6
keine 123 000 4,0 ± 0,82,9 ± 0,72,7 ± 0,7
*) Auslöser von fieberhaften Erkrankungen und Gehirnhautentzündung bei Wirbeltieren.Den Mäusen wurden die Partikel intraperitoneal injiziert. 5 Stunden später erfolgte dieInjektion mit einer Dosis von 101, 102 oder 103 der LD50 des WEE-Virus
Antitumorwirkung
Die bei Applikation von aus Lentinus-edodes-Fruchtkörpern isolierten Polysacchariden festgestellte Antitumorwirkung wurde besonders in Japan in den letzten Jahren intensiv untersucht.
Das Interesse an nicht toxischen Naturstoffen mit ausgeprägter Antitumorwirkung hat in den letzten Jahren verständlicherweise erheblich zugenommen, da der größte Teil der heute in der Chemotherapie
Bezüglich der molekularen Wirkungen des Lentinans gibt es noch keine einheitliche Vorstellung. Als wahrscheinlichster Wirkungsmechanismus wird eine Beeinflussung des Tumorwachstums über das Immunsystem angenommen. Zum Teil geht man jedoch bei der festgestellten Antitumorwirkung von Polysacchariden auch davon aus, daß die Blutversorgung des Tumorgewebes negativ beeinflußt wird oder daß hier spezifisch das Zellvolumen von Tumorzellen vergrößert wird, wobei sich die Zellpermeabilität drastisch verändert und so die Zellen osmotisch geschädigt werden. Eine weitere Annahme stellt die Beeinflussung des Zell-Zell-Kontaktes dar, so daß Signalleitungen von Zelle zu Zelle unterbrochen werden und so die Teilungsrate reduziert wird.
In umfangreichen klinischen Studien kam man in Japan zu dem Ergebnis, daß Lentinan
Lentinan
Schlußfolgerungen
Es gibt also zwei Bereiche, in welchen man sich auch in Europa mit diesem und anderen interessanten Pilzen beschäftigen sollte. Zum einen wäre es wünschenswert, wenn Lentinus edodes
Zum anderen wäre es angebracht, sich von seiten der pharmazeutischen Forschung näher mit seinen Inhaltsstoffen zu befassen, wobei man auf zahlreichen fernöstlichen Untersuchungen aufbauen kann. Die in diesem Beitrag verarbeiteten Publikationen sind nur ein Bruchteil der verfügbaren.
Die Verbreitung des Shii-Take als Speisepilz in Europa hat in den letzten Jahren etwas zugenommen, da er durch die immer beliebter werdende chinesische Küche einen höheren Bekanntheitsgrad erlangte. Außerdem gibt es inzwischen auch in Deutschland einige Züchter, die sich mit dem Anbau dieses interessanten Pilzes beschäftigen. Die technischen Grundlagen für die Produktion größerer Erntemengen sind verfügbar, es sind jedoch auch hier weitere Forschungsaktivitäten nötig, um die optimalen Produktionsbedingungen zur Erzielung hoher Fruchtkörpererträge und auch hoher Wirkstoffgehalte zu finden.










